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Toll! Wie schön du rutschen kannst!

Toll! Wie schön du rutschen kannst!

Bitte was?! Das klingt doch völlig absurd. Ich lobe ein Kind dafür, wie es rutscht? Ich bewerte, wie mein Kind rutscht? 

Denn nichts anderes ist Lob: eine Bewertung. Wunderst du dich manchmal, warum du so abhängig von der Meinung anderer bist? Warum es dir so wichtig ist, dass andere gut finden, was du machst? Wie du etwas machst? Wie gut dir diese Sache gelungen ist? Tja, das liegt dann wohl daran, dass jede Kleinigkeit bewertet wurde, als du ein Kind warst. 

 

Toll! Wie schön du rutschen kannst! Du denkst vielleicht, du kommentierst hier doch nur, dass dein Kind gerutscht ist und möchtest mitteilen, dass du dich darüber freust. Dann tu das doch auch. Freu dich mit deinem Kind.

"Oh, wow! Du hast dich getraut und bist gerutscht! Ich freue mich total, weil ich weiß, dass du ein bisschen Angst davor hattest. Freust du dich auch? Du bist ganz stolz, oder? Fühlt sich das gut an?" Und schon bist du bei deinem Kind. Denn wichtig ist doch, was dein Kind spürt und wie sich dein Kind damit fühlt. Denn dann kann dein Kind lernen, sich unabhängig von der Meinung anderer zu entfalten. Dein Kind möchte nicht, dass du es lobst, es möchte nur wahrgenommen werden. Du brauchst dein Kind nicht bewerten. Du brauchst es nur sehen. Du kannst deinem Kind helfen, Gefühle zu benennen. Den Fokus auf die eigene Freude zu legen. 

 

Es geht nicht darum, sich nicht mehr über die Meilensteine deines Kindes zu freuen, es geht nur darum, nicht jede Kleinigkeit mit einer nicht ernst gemeinten Floskel zu bewerten. Ganz oft wird nämlich "Toll, Schön gemacht,.." einfach nur als Floskel genutzt und dieses Lob ist nicht mal ernst gemeint. Beobachte dich mal, wie oft du sowas sagst, ohne es zu meinen. Wir denken, wir müssten loben, um das Kind zu motivieren. Aber das ist Blödsinn. Menschen können sich nur selbst motivieren. Du kannst einen Anreiz von außen schaffen (extrinsische Motivation), aber dann machen Menschen diese Sache nur noch wegen des äußeren Anreizes (Noten, Geld, Süßigkeiten, Lob,..). Von ganz allein ist jeder Mensch von innen motiviert (intrinsische Motivation). Die entsteht durch Interesse, durch ein erfüllendes Gefühl in der Tätigkeit, durch Freude und Spaß an der Sache. Kennst du sowas noch? Dass du dich ganz und gar in einer Tätigkeit verlierst (Flow)? Vielleicht beim Puzzeln, beim Malen, beim Lego, beim Musizieren? Und weißt du was? Diese Erfüllung wird durch äußere Anreize zerstört! Lobst du dein Kind also für Dinge, die es gern macht, an denen es Freude hat, wird dein Kind diese Sache bald nur noch machen, um dein (nicht ernst gemeintes) Lob zu erhalten. So verlieren wir uns immer mehr in Tätigkeiten, die wir nur noch zu einem Zweck machen. Wann hast du das letzte Mal etwas getan und warst dabei im Flow? 

Passiert nicht so oft, oder? Dabei ist das so wichtig, weil uns das ganz viele Bedürfnisse erfüllt und so einen riesigen Baustein für ein glückliches Leben darstellt. Überlege oder probiere also mal wieder, in welcher Tätigkeit du dich verlieren kannst. Wenn alles andere um dich herum einfach mal ganz egal ist. Und diese Sache nur um ihrer selbst Willen tust.

 

Hilf deinem Kind, dieses Gefühl und das Wissen über die erfüllenden Tätigkeiten zu erhalten. Denn das hilft deinem Kind glücklich zu bleiben. Es hilft deinem Kind Dinge für sich selbst zu tun. Es hilft deinem Kind, sich auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu verlassen. Unabhängig von der Meinung anderer.

 

Oft wird Lob - so wie auch Bestrafung -  auch als Manipulation genutzt. Hast du dein Kind vielleicht auch schon mal für erwünschtes Verhalten gelobt?

Du hast aber toll aufgegessen.

Wie toll du dir heute die Zähne geputzt hast!

Wie schnell du dich heute angezogen hast!

Frag dich mal, ob du diese und ähnliche Sätze sagst, um dein Kind "zu motivieren", dieses Verhalten weiter hin zu zeigen. Also um es zu manipulieren. Oder sagst du solche Sätze manchmal auch, weil du dich wirklich freust? Ist es wirkliche Freude, dann drück es auch so aus.

"Wie schnell du dich heute angezogen hast! Da freu ich mich total und bin dir dankbar, weil ich weiß, dass du das gemacht hast, weil ich einen wichtigen Termin hab und du es mir leichter machen möchtest."

"Du hast aber toll aufgegessen. Darüber freue ich mich total, weil ich daran sehe, dass es dir schon besser geht. Als du krank warst, hattest du gar keinen Appetit, oder?"

Dabei geht es also nicht darum, zu loben, sondern darum wirklich Freude und Anerkennung auszudrücken. Gleichzeitig gewährst du deinem Kind Einblicke in deine Gedankenwelt. Denn dein Kind kann deine Gedanken nicht lesen.

Willst du dein aber eigentlich doch nur manipulieren, vergiss nicht, dass dein Kind ein selbstbestimmter kleiner Mensch ist und kein Objekt, auf das du einfach einwirken kannst.